Wissenshunger – oder wie informierte man sich über die Dinge bevor es das Internet gab?
Ein wahre Begebenheit – Wissenshunger
In Hochachtung an einen bemerkenswerten Menschen, der mir leider nie persönlich begegnet ist…
Und da war sie, diese Online-Kleinanzeige, auf der Suche nach Musikliteratur. Klein und unscheinbar kam sie daher. Viel zu unscheinbar für das was sich dahinter verbarg. Es sollte eine Büchersammlung aus einem Nachlass eines, wie ich später erfuhr, sehr beeindruckenden Menschen aufgelöst werden. Der Termin war schnell gemacht und dann kam der Tag als ich Zeuge eines beeindruckenden Lebenswerkes werden sollte. 10 Jahre hat man das Lebenswerk nicht berührt, aus Rücksicht man würde etwas zerstören. Nun sollte es doch weg: “Nicht das es sonst einfach so in einem Papiercontainer landet, dafür wäre es doch zu schade” sagte mir die Verkäuferin und die Frau des Sammlers nickte zustimmend. Wie alt mag sie sein? Weit über 80 schätze ich. Ich ließ meinen Blick durch das Wohnzimmer gleiten und fühlte mich, wie in den 50ern Jahren. Es war alles sehr aufgeräumt und alles war sehr sauber, aber das, was dieses Wohnzimmer einzigartig machte, waren die unfassbaren Mengen an Bücherschränken und Regalen, die um einen großen Teppich, auf dem ein alter Tisch und ein antikes Sofa, standen.
In einer Ecke, vor einem riesigen Regal mit Glastüren, stand eine Krippe, selbstgemacht, mit vielen kleinen filigranen Details, die alle selbst ausgeschnitten worden waren. Daneben ein Klavier, alt, mit einem aufgeschlagenen Notenblatt. Weiter links viele kleine Regale mit Sammlungen, deren Inhalt ich gar nicht im ersten Blick erfassen konnte. Es mußten Mineralien sein, sagte man mir später. Unschätzbar viele. Keine Ahnung um deren Werte. “Über eineinhalb Jahre hat mein Enkel daran gebaut”, sagt mir die alte Dame und zeigte auf die Krippe. Ich war beeindruckt. Wie alt ist das Kind, sagte sie doch gleich? Sieben. Wow, welch eine Disziplin, ich hätte dieses Kunstwerk vermutlich nie fertig bekommen, viel zu ungeduldig wäre ich dafür gewesen, in dem Alter…
Auf dem Boden lagen sie nun, die Bücher meines Begehrens. “Setzen Sie sich ruhig auf den Teppich und schauen Sie sich alles in Ruhe an” forderte man mich freundlich auf. ”Ich mach das auch immer gerne so, daß ist so am gemütlichsten”. Man hatte also die Bücher aus den alten Regalen genommen und sie zur Ansicht auf den Boden gelegt. Ich setzte mich und wußte gar nicht wo ich anfangen sollte. Behutsam fing an nach Themen zu sortieren, eigentlich wollte ich ja nur Bücher über Musikgeschichte, allgemeinbildende Werke, vielleicht noch Noten… aber hier tat sich eine Sammlung auf, die seinesgleichen sucht. “Wissen Sie, wie man eigentlich richtig umblättert?” Sie machte es vor, und blätterte dabei mit der rechten Hand, am oberen rechten Rand des Buches behutsam eine Seite um. “Mein Vater hat es mir gezeigt, er hat seine Bücher sehr gepflegt. Kommentare wurden nur mit Bleistift eingetragen. Bemerkungen sind in den Büchern mit kleinen Zetteln hinterlegt worden” erklärt sie mir. Ich sollte später feststellen, daß die Bücher voll mit diesen kleinen Zettel waren, die bemerkenswerte Kommentare beinhalteten. Alle Bücher wurden zusätzlich mit einer Klarsichthülle versehen. Alles wirkte außerordentlich gepflegt und in sehr gutem Zustand. Einfach nur alt, teilweise vergilbt. Warum vergilbt Papier eigentlich? frage ich mich und stöberte weiter.
“Wissen Sie, daß mein Vater extra französisch gelernt hat um auf seinen vielen Reisen nach Frankreich diese Bücher hier lesen zu können?” fragte mich die Verkäuferin der Bücher. “Er hat ja nicht nur Musikbücher gelesen, sondern war auch belesen in Themen, wie Naturwissenschaften, Geschichte, Kunst, Religion, Philosophie, Technik,…. Sein Verlangen war es, zu allen Themen immer eine Erklärung zu haben und so den Menschen, die ihn umgaben, alle Fragen beantworten zu können.” Wissen Sie, das er viele Instrumente selbst gebaut und dokumentiert hat?” “Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen was”. Wir verließen das schöne große Wohnzimmer, um durch einen großen Flur mit Regalen rechts und links, in einem Raum zu verschwinden, der, man ahnt es fast, mit Regalen bestückt war und in der Mitte des Raumes einen Berg an Kartons auf dem Boden preisgab. Hier sollten sie also sein, die Detailbeschreibungen, wie man einen Gitarre baut, wie man ein Klavier baut, wie eine Geige aufgebaut ist usw….Viele Bleistiftzeichnungen mit mathematischen Erklärungen sollte ich zu sehen bekommen und war wieder einmal nur beeindruckt. Was für ein Mensch war der Unbekannte, der vor 10 Jahren gestorben war? Gab es vor 10 Jahren eigentlich schon im Internet die Möglichkeit an diese Menge an Informationen zu kommen, schoß es mir durch den Kopf? “Ja”, bestätigte man mir, denn unser Sammler muß die letzten Jahre seines Lebens in seinem Wohnzimmer verbracht haben, mit einem Computer. Gab es da schon Wikipedia? Ich muß mal nachschauen.
Wir gingen zurück in das große Wohnzimmer, um weitere Bücher zu begutachten. “Jetzt hat mein Vater soviel Wissen angeeignet und das einzige was übrigbleibt sind diese Bücher” vernehme ich plötzlich die Stimme der Verkäuferin, als ich ganz vertieft bin in ein Buch mit dem Namen: Handbuch des deutschen Tanzes. “Ist doch schon irgendwie schade, oder finden Sie nicht” Wofür das ganze? Nichts bleibt über” Die Bücher sind alt, die will man heutzutage sicherlich auch nicht mehr lesen” bemerkt sie und schaut mich fragend an. “Es gibt ja neue Erkenntnisse, gerade in den Naturwissenschaften, sicherlich auch in der Musik, aber da sind nun diese Unmengen an Wissen in diesen Büchern und in diesem Menschen, den es nicht mehr gibt”. ” Nichts bleibt über”. Die alte Dame war mittlerweile wieder aus der Küche zurückgekommen und hat die Bemerkungen ihrer Tochter ebenfalls vernommen. Alle zusammen verlassen diesen Ort, dieses Wohnzimmer, vollbeladen mit Erinnerungen, man ist höflich, dem Anstand gebührend, freundlich, verabschiedet sich.
Die alte Dame kann nur mit Mühe ihre Tränen zurückhalten, als ich mit 5 großen Kartons das Haus verlasse und unseren Kombi vollpacke. Geld wird überreicht, ein paar Scheine für ein Lebenswerk. Ein letztes Winken…
Heike Bierkämper

